Hannes Stubbe

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Hannes Stubbe (* 10. Oktober 1941 in Heide, Holstein) ist ein deutscher Anthropologe, Psychologe, Kinderpsychotherapeut, Brasilianist und Wissenschaftshistoriker.

Hannes Stubbe studierte Naturwissenschaften, Psychologie, Ethnologie, Psychopathologie und Brasilianistik in Berlin, Freiburg im Breisgau und Rio de Janeiro. Er erlangte 1970 das Diplom und wurde 1975 in Freiburg mit einer Arbeit über Die ätiologischen Krankheitsvorstellungen brasilianischer Indianer promoviert.[1] Seine praktische klinisch-psychologische und psychotherapeutische Ausbildung und Tätigkeit begann er in universitären Einrichtungen der ambulanten Sozialpsychiatrie und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie. In diesem Zeitabschnitt sammelte er Erfahrungen in der Arbeit mit Migrantenfamilien (Portugiesen, Türken) und marginalisierten und diskriminierten Gruppen (Sinti und Roma, Obdachlose) und nahm an Forschungsprojekten über Gesundheitssysteme in der „Dritten Welt“, Depressionen, Suizide und Transkulturelle Psychiatrie teil. Eine Supervisionstätigkeit in großstädtischen Sozialdiensten gab ihm Einblicke in grundlegende soziale Probleme. Ein DFG-Stipendium in den Jahren 1980 bis 1982 nutzte er zur Erforschung von Verwitwung und Trauer im Kulturvergleich.

Von 1983 bis 1988 war Stubbe Professor associado an der Päpstlichen Katholischen Universität von Rio de Janeiro.[1] Im Anschluss an seine Rückkehr nach Deutschland Anfang der 1990er Jahre habilitierte er sich an der Universität zu Köln mit dem wissenschaftshistorischen Thema Kultur und Psychologie in Brasilien. Er hatte Gastprofessuren inne und unternahm Feldforschungen in China, Brasilien, der Türkei, Mosambik und Indien („Indianer“, Afrobrasilianer, ausgesetzte Säuglinge, Trauer). Insgesamt betreute er ca. 12.000 Patienten auf vier Kontinenten. An der Universität zu Köln vertritt er als außerplanmäßiger Professor die Kulturvergleichende Psychologie und Psychologische Anthropologie in Lehre und Forschung und im Studium integrale.[1]

Ausgehend von der Situation der brasilianischen „Indianer“, als einer verfolgten, durch Ethnozide dezimierten und diskriminierten Minderheit, sowie der Sinti und Roma[2]) in Freiburg/Brsg. als einer durch den Holocaust fast ausgelöschten Minorität entwickelten sich (auch in Erinnerung an die nationalsozialistische totalitäre Diktatur und die Weltkriege) das Thema der (oftmals verdrängten) Trauer bzw. der tristes tropiques (Levi-Strauss), einem Thema, dem Stubbe eine Vielzahl von Arbeiten gewidmet hat. Empirisch lässt sich dieses Phänomen am Beispiel der Verwitweten bearbeiten, und es lässt sich ein „impact-System“ der Verwitwung und „Formen der Trauer“ herauskristallisieren. Die transkulturelle Suizid- und Depressionsforschung ermöglicht ebenfalls einen Einblick in die psychosoziale und kulturelle Situation einer Gesellschaft.

Während der Militärdiktatur in Brasilien konnten empirische Arbeiten und Feldforschungen nur sehr beschränkt durchgeführt werden, so dass die wissenschaftshistorische Forschung einen Ausweg bot; zudem sollte den Studierenden auch ein Einblick in die Geschichte der europäischen Psychologie, Anthropologie und Psychoanalyse angeboten werden. Bei der Beschäftigung mit der Kultur- und Sozialgeschichte Brasiliens stieß Stubbe u. a. auf die grundlegende, bis heute nachwirkende Problematik der afrikanischen Sklaverei, der er einige Arbeiten, z. B. über das kulturgebundene Syndrom des banzo und die Sklavenkinder, widmete.[3] Im Rahmen der Paläopsychologie anerkannte er den Neandertaler als vollwertigen Menschen.[4]

Zu den Ergebnissen der (Feld-)Forschungen Stubbes in vielen fremden Kulturen seit über 40 Jahren gehört u. a. die Erkenntnis, dass in der globalisierten Welt der Gegenwart die sogenannte westliche Psychologie[5] nicht als repräsentativ und allgemein gültig gelten könne, denn sie vertrete in ihren Ergebnissen nur ca. 1/7 der Menschheit und sei selbst in westlichen Einwanderungsgesellschaften nur bedingt tauglich. Zum anderen sollte sich nach Stubbes Auffassung die Psychologie in diesem Anthropozän (westliche Psychologie, „Weltpsychologie“, indigene Psychologien etc.,[6]) in enger Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaften verstärkt um die sog. (10–12) Weltprobleme kümmern und an ihrer Lösung für das Überleben der Menschheit sehr aktiv beteiligen, denn diese Probleme seien vor allem anthropogen.[7]

Die in Köln seit den 1960er Jahren von Eno Beuchelt (1929–1990) betriebene Völkerpsychologie[8] wurde von Stubbe in allen ihren neueren Strömungen, der Ethnopsychoanalyse, Ethnopsychologie, Kulturvergleichenden/Transkulturellen und Interkulturellen Psychologie zu einer weltoffenen und interdisziplinären Psychologischen Anthropologie zusammengeführt und weiterentwickelt.[9]

Stubbe begründete verschiedene Fachzeitschriften auf drei Kontinenten mit:

  • mit K. Peltzer, P. Ebigbo, Chirly dos Santos-Stubbe, R. Collignon: Journal of African Psychology. Enugu/Nigeria. Seit 1991: Journal of Psychology in Africa (IKO, Frankfurt am Main.) (Herausgeber: 1988–2000)
  • mit R. León: Latin American Archives of the History of Psychology and Related Sciences. Rio de Janeiro (Gründer und Hauptherausgeber: 1988–1990)
  • (Gründer und Herausgeber): Kölner Beiträge zur Ethnopsychologie und Transkulturellen Psychologie (1995–1998 im Holos Verlag, Bonn; ab 2004–2016 im Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, Göttingen).

Stubbe hat zahlreiche Schriften veröffentlicht:[10]

  • mit J. Bojanovsky: Der depressive Mensch. Individuelle und gesellschaftliche Aspekte der Depressionen. Enke Verlag, Stuttgart 1982.
  • Verwitwung und Trauer im Kulturvergleich. Mannheim / Rio de Janeiro, 1983.
  • Formen der Trauer. Eine kulturanthropologische Untersuchung. Reimer, Berlin 1985.
  • Beiträge zur Kulturanthropologie: Geschichte der Psychologie in Brasilien. Von den indianischen und afrobrasilianischen Kulturen bis in die Gegenwart. Reimer, Berlin 1987.
  • mit R. León (Hrsg.): History of psychology in the Third World (= Lateinamer. Arch. Hist. Psicol. Band 1, Nr. 2 (Sonderband)). 1989.
  • Sigmund Freud in den Tropen (1). Zur Frühgeschichte der Psychoanalyse in Brasilien (Zeittafel bis 1939). (= Kölner Beiträge zur Ethnopsychologie und Transkulturellen Psychologie. Sonderband 3). Holos, Bonn 1997.
  • Kultur und Psychologie in Brasilien. Ein wissenschaftshistorische und ethno-psychologische Studie. Holos, Bonn 2001.
  • mit Wilfried Follmann (Hrsg.) Interventionen in der Angewandten Psychologie. Festschrift zum 60. Geburtstag von Egon Stephan. Shaker, Aachen 2004, ISBN 3-8322-3072-6.
  • Lexikon der Ethnopsychologie und Transkulturellen Psychologie. IKO, Frankfurt am Main 2005.
  • als Hrsg.: Weltprobleme und Psychologie. Shaker, Aachen 2007, ISBN 978-3-8322-6276-1.
  • Sigmund Freuds „Totem und Tabu“ in Mosambik. V&Runipress, Göttingen 2008, ISBN 978-3-89971-494-4.
  • Sigmund Freud in den Tropen (2). Die erste psychoanalytische Dissertation in der portugiesisch-sprachigen Welt (Rio, 1914). Shaker Verlag, Aachen 2011.
  • Albertus Magnus. Der erste Kölner und mitteleuropäische Psychologe. Shaker, Aachen 2012 (2. erweiterte Auflage 2016).
  • Lexikon der Psychologischen Anthropologie. Psychosozial, Gießen 2012, ISBN 978-3-8379-2120-5.
  • mit Chirly dos Santos-Stubbe: Kleines Lexikon der Afrobrasilianistik. Eine Einführung mit Bibliografie (= Kölner Beiträge zur Ethnopsychologie und transkulturellen Psychologie. Sonderband 3). V&R Unipress, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8470-0182-9.
  • mit Chirly dos Santos-Stubbe und Peter Theiss-Abendroth (Hrsg.): Psychoanalyse in Brasilien. Psychosozial, Gießen 2015.
  • Kleinere Schriften. Shaker, Aachen 2018, ISBN 978-3-8440-6185-7.
  • mit Anja Noëmi Stubbe: Kleine Kunstgeschichte Brasiliens. Eine wissenschaftliche Einführung. Shaker, Aachen 2018, ISBN 978-3-8440-6390-5.
  • mit K. Greifeld, W. Krahl und H. J. Diesfeld (Hrsg.): Grenzgänge zwischen Ethnologie, Medizin und Psychologie. Für Ekkehard Schröder zum 75. Geburtstag (= Curare. Sonderband). VWB, Berlin 2018.
  • als Hrsg.: 100 Jahre Psychologie an der Universität zu Köln. Eine Festschrift. Pabst, Lengerich 2019, ISBN 978-3-95853-542-8.
  • Curt Nimuendajús Bibliothek im tropischen Brasilien (1903–1945). Ein Beitrag zur Geschichte der Ethnologie. Shaker, Düren 2020, ISBN 978-3-8440-7540-3.
  • Die Psychologie des Titus Lucretius Carus (Lukrez). Pabst, Lengerich 2020.
  • Weltgeschichte der Psychologie. Eine Einführung. Pabst, Lengerich 2021, ISBN 978-3-95853-737-8.
  • Chirly dos Santos-Stubbe, C. Klöpfer (Hrsg.): Psychologie aus historischer und transkultureller Perspektive. (Festschrift für Hannes Stubbe). Shaker, Aachen 2006.
  • C. Klöpfer, E. Schröder: Hannes Stubbe, zum 75. Geburtstag. In: Curare. 39, Nr. 3+4, 2016, S. 259–261.
  1. a b c Hannes Stubbe, Autorenprofil. In: psychauthors.de. Abgerufen am 5. Juli 2022.
  2. Vgl. Hannes Stubbe: Lexikon der Psychologischen Anthropologie. Psychosozial, Gießen 2012, S. 572f.
  3. Vgl. Santos-Stubbe & Stubbe 2014.
  4. Hannes Stubbe: Lexikon der Psychologischen Anthropologie. Psychosozial, Gießen 2012, S. 490 ff.
  5. Vgl. Hannes Stubbe: Lexikon der Psychologischen Anthropologie. Psychosozial, Gießen 2012, S. 677 f.
  6. Vgl. Stubbe 2012.
  7. Vgl. Hannes Stubbe: Lexikon der Psychologischen Anthropologie. Psychosozial, Gießen 2012, S. 674 f.; ders.: Weltprobleme und Psychologie. Shaker, Aachen 2007.
  8. Über die er sich auch habilitiert hatte; s. Eno Beuchelt: Ideengeschichte der Völkerpsychologie. Hain, Meisenheim 1974.
  9. Vgl. Stubbe, 2006, 2012, 2019, 2021.
  10. vollständiges Schriftenverzeichnis